Auch dieses Jahr durfte das Berner Münster den renommierten Londoner Chor Tenebrae begrüssen – ein Ensemble, das mit seiner aussergewöhnlichen Präzision, Klarheit und emotionalen Tiefe seit Jahren internationale Massstäbe setzt. Unter der Leitung von Nigel Short entfalteten die Sängerinnen und Sänger erneut jene unverwechselbare Mischung aus räumlicher Beweglichkeit und klanglicher Perfektion, die Tenebrae weltweit bekannt gemacht hat.
Im Zentrum standen zwei neue Werke: Dum Aurora des Tessiner Komponisten Ivo Antognini und in between von Jessica Ulusoy-Horsley. Beide Kompositionen wirkten im sakralen Raum des Münsters besonders eindrücklich – ihre Klangfarben, Harmonien und feinen Nuancen kamen mit seltener Transparenz zur Geltung.
Das Programm schlug zudem einen weiten historischen Bogen: von den leuchtenden Linien der englischen Renaissance über Mendelssohns geistliche Romantik bis hin zur modernen Klarheit von Samuel Barber. Besonders faszinierend war die Gegenüberstellung von William Byrds «Ave verum corpus» mit der zeitgenössischen Re-Interpretation von Roderick Williams. Die beiden Werke erzeugten im akustischen Raum des Münsters eine unerwartete Spannung, einen Dialog über Jahrhunderte hinweg.
Den musikalischen Höhepunkt bildete Frank Martins monumentale Messe pour double chœur, die Nigel Short erstmals mit seinem Tenebrae Choir zur Aufführung brachte. Das Werk füllte das Münster mit einer eindrucksvollen, vielschichtigen Klangarchitektur – kraftvoll, bewegend und zugleich von grosser innerer Ruhe.
Erst in dieser Gesamtheit wurde spürbar, wie sehr die Umgebung Teil des Erlebnisses war. Zugleich war auch das Licht ein bewusstes Element des Abends: Das Münster wurde weitgehend abgedunkelt, sodass die Musik in einem atmosphärischen Halbdunkel stand. Für diese subtile, statische Lichtgestaltung zeichnete Daniel Tschanz verantwortlich, der das Berner Münster seit vielen Jahren inszeniert und für seine feinfühligen Lichtkonzepte bei Chorprojekten bekannt ist. Sein zurückhaltendes Lichtdesign schuf den ruhigen, mystischen Rahmen, in dem Musik und Raum eine stimmige Einheit bildeten.